Was wird unter „Bildung“ verstanden?

07.01.16 19:35 von test

von Sara Yurtseven

Für das Bildungsverhalten sind soziale, wirtschaftliche, kulturelle und institutionelle Faktoren maßgeblich. Dies ist mittlerweile ein empirisch relativ gut untersuchter Forschungsbereich. Wenig Forschung hingegen ist bislang betrieben worden, um das dem Bildungsverhalten zugrundeliegende Verständnis von Bildung zu klären. Dies trifft insbesondere für die in Deutschland lebende türkischstämmige Bevölkerung zu, deren Teilhabe an Bildung bekanntermaßen noch immer unterdurchschnittlich ist und woraus sich gesellschaftspolitischer Handlungsbedarf ergibt.

Aus dem Alltag wissen wir, dass türkischstämmige Eltern vergleichsweise wenig zu Elternabenden ihrer Kinder gehen, wir wissen auch, dass die Rolle der Lehrer in der Türkei nicht mit jenen in Deutschland zu vergleichen ist. Dies weist jeweils darauf hin, dass in türkischstämmigen Familien Vorstellungen von Bildung und Erziehung vorherrschen, die vom in der deutschen Gesellschaft herrschenden Verständnis abweichen. Im Rahmen meiner Bachelorarbeit* ging ich der Frage nach, ob diese Alltagserfahrungen einer Überprüfung standhalten und worin etwaige Besonderheiten des Bildungsverständnisses der türkischstämmigen Bevölkerung liegen. Da eine Bachelorarbeit jedoch keine umfassende Untersuchung zu einem derart komplexen Thema in der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht und zugleich der Forschungsstand offenbar sehr dürftig ist, konzentrierte ich mich auf die Metropolregion Rhein-Neckar um erste Grundlagen zu erarbeiten.

Aus der Forschungssituation ergab sich, dass im Anschluss an eine Auswertung der Fachliteratur der Durchführung von Experteninterviews eine besondere Rolle zukommen wird. Daher habe ich einen Leitfaden für Expertengespräche erarbeitet und türkischstämmige Bildungsbeauftragte aus dem Rhein-Neckar-Raum kontaktiert um ihre fachkundige Einschätzung zum Bildungsverständnis türkischstämmiger Migranten einzuholen.

Bildungsbeauftragte sind wichtige Vermittler zwischen den Familien und der Schule und verfügen so über ein wertvolles Wissen über die Ziele, Vorstellungen, Hoffnungen aber auch Ängste der Familien bezüglich der schulischen Entwicklung ihrer Kinder. Der Zugang zu diesen Bildungsbeauftragten war jedoch sehr schwierig, da sie nicht über die sozialen Netzwerke erreichbar waren. Diese erste große Hürde des Forschungsvorhabens konnte lediglich nur überwunden werden durch zahlreiche private Kontakte und Vermittlungen durch bereits gewonnene Gesprächspartner, so dass es letztlich möglich wurde 12 passende Experten für die qualitative Erhebung zu gewinnen und die entsprechende Anzahl Experteninterviews durchzuführen.

Als erstes Ergebnis – gleichermaßen aus der Literatur, wie den Experteninterviews – kann festgehalten werden, dass es bezüglich des Themas Bildung insgesamt erhebliche Unterschiede innerhalb der türkischstämmigen Bevölkerung in der Metropolregion bzw. in der Bundesrepublik Deutschland gibt. Diese Unterschiede finden sich vorwiegend zwischen Bevölkerungsgruppen, welche besonders traditionell bzw. streng religiös versus jenen Bevölkerungsgruppen, welche eher modern bzw. gemäßigt religiös sind.

Insgesamt zeigte sich anhand der Fachliteratur und der Expertengespräche, dass Bildung und Ausbildung bei türkischstämmigen Familien eine hohe Wertschätzung genießt. Dies gilt unabhängig von der oben genannten Unterscheidung nach dem Kriterium der Modernität bzw. Religiosität. Es kann daher nicht eine geringe Bewertung der (Aus-)Bildung ursächlich für die Bildungsentscheidungen bzw. den Bildungsverlauf von Jugendlichen verantwortlich sein und schließlich eine bessere Bildungsteilhabe verhindern.

Das inhaltliche Verständnis von „Bildung“ ist bei den genannten zwei Gruppen der türkischstämmigen Migranten offenkundig deutlich verschieden. So machen die Experten deutlich, dass nicht mehr wie zu Beginn der Einwanderungswelle Bildung allgemein lediglich als Mittel zur Existenzsicherung verstanden wird, sondern zusätzlich auch zur Selbstverwirklichung dient und mit dem Gefühl des Dazugehörens zu der deutschen Gesellschaft verbunden wird. Dies zeigt sich insbesondere für modern bzw. gemäßigt religiöse Teile der türkischen Bevölkerung. Für die traditionell bzw. streng religiösen Bevölkerungsgruppen gilt hingegen noch immer eher der Existenzsicherungscharakter der Bildung. Mit anderen Worten: Bildung wird in der erstgenannten Gruppe als Ausdruck von individueller Entwicklungsmöglichkeit und damit als Ausdruck von Freiheit wahrgenommen, wohingegen der Begriff in der zweitgenannten Gruppe vorrangig instrumentell, also als bloßes Mittel zum Erwerbszweck verstanden wird. In der wissenschaftlichen Literatur sowie aus den Expertengesprächen ergeben sich weiterhin deutliche Hinweise darauf, dass bei den türkischen Familien allgemein eine hohe Investitionsbereitschaft in Bildung vorliegt, was ebenfalls Ausdruck ihrer Wertschätzung ist.

Auf die Bildungsmobilität bzw. das Ausbildungswahlverhalten der türkischstämmigen Migranten im Rhein-Neckar-Kreis haben die genannten Veränderungen des Bildungsverständnisses – wenn sie sich auch nur in einem Teil der türkischstämmigen Bevölkerung vollzogen haben – jedoch offenkundig (noch) keine nennenswerten Auswirkungen. Hinweise auf derartige Auswirkung wären beispielsweise die stärkere Wahl von geisteswissenschaftlichen Fächern oder eine stärkere Ausbildung in künstlerisch-musischen Bereichen.

Kennzeichnend sind insgesamt ein noch immer großer Informationsmangel bzgl. des komplizierten Bildungssystems sowie zahlreiche weitere Barrieren, die die gleichberechtigte Teilhabe der türkischstämmigen Bevölkerung am deutschen Bildungssystem behindern. Auch ist die Rollenverteilung zwischen Staat und Individuum bzw. Schule und Familie wie sie für Deutschland kennzeichnend ist, in der türkischstämmigen Bevölkerung noch immer nicht allgemein bekannt. So wird vom deutschen Schul- und Bildungssystem ein hohes Maß an Eigenverantwortung von den Eltern und entsprechend eine hohe Eigenbeteiligung zugunsten des schulischen Erfolgs der Kinder erwartet. Dies heißt Teilnahme an Elternabenden, Schulveranstaltungen und nicht zuletzt Unterstützung der Kinder bei den Schulaufgaben. Das Verständnis von (schulischer) Bildung in der Türkei beinhaltet hingegen eine völlig andere Rollenverteilung, die eine Überantwortung der Erziehungsaufgaben an die Lehrkräfte bedeutet. Das deutsche und das türkische Schulsystem zeigen also stark unterschiedliche Erwartungen an Eltern, Lehrer und Schüler auf, deren mangelnde Kenntnis zu Missverständnissen bzw. Fehlentscheidungen z.B. beim Wechsel auf eine weiterführende Schule führen.

Welche Lösungsansätze können aus dieser komplizierten und vielschichtigen Problemlage herausführen, ohne dass man abwarten muss, bis eine umfangreiche Veränderung des Bildungssystems erfolgt und somit schließlich auch türkischstämmige Kinder und Jugendliche eine gerechte Teilhabe an Bildung erfahren können?

Die Expertenbefragung ergab, dass ein stark vernetztes System von Bildungsbeauftragten für alle Glaubensrichtungen in der Metropolregion Rhein-Neckar ein wichtiger Schritt zur Entgegnung der Bildungsprobleme sein kann. Diese Experten werden von den Familien akzeptiert, haben einen guten Zugang zu den türkischstämmigen Familien und können folglich Informations- bzw. Aufklärungsarbeit leisten. Die hohe Anerkennung von erfolgreichen Absolventen kann im Sinne von Vorbildern und Mentoren ebenfalls zur Information und Unterstützung für Kinder und Jugendliche sowie für die ganze Familie genutzt werden. Dies sind Leistungen, die bislang vielfach im Rahmen eines ehrenamtlichen Engagements erbracht werden. Es wäre wichtig, dass diese Eigeninitiativen anerkannt, unterstützt und gefördert werden, insbesondere wenn man sie ausweiten möchte, schließlich ist die schulische Bildung eine wichtige öffentliche Aufgabe.

Zur Verbesserung der Bildungsbeteiligung, zum Bildungsaufstieg und nicht zuletzt zum Verständnis von Bildung im Sinne von Selbstentfaltung tragen ein intensiverer Austausch zwischen der türkischstämmigen und der angestammten Bevölkerung bei. Dies kann durch Vereine, Parteien oder auch durch ein gut organisiertes Zusammenleben in Siedlungen begünstigt werden. Damit betreffen die Lösungsansätze zahlreiche Arbeitsgebiete der Kommunalpolitik.

Die Untersuchung zeigte, dass bei der türkischstämmigen Bevölkerung insgesamt ein Wille zum beruflichen Aufstieg vorhanden ist. In manchen Teilen ist dieser Bildungswille bzw. die Bildungsaspiration sogar deutlich überproportional gegenüber der bundesdeutschen Bevölkerung ohne türkische Wurzeln. Das Bemühen sollte sich daher vor allem darauf richten die Realisierung dieses Bildungswillens zu ermöglichen.

Zweifellos ist erheblicher Aufklärungsbedarf gegenüber der streng gläubigeren türkischstämmigen Bevölkerung erforderlich, weil ansonsten die gesellschaftliche Isolation dieser Gesellschaftsgruppen nicht überwunden werden kann.

Die Untersuchung zeigte, dass es noch großen Forschungsbedarf bzgl. des Bildungsverständnisses und der Bildungsziele gibt. So waren differenzierte Zusammenhänge innerhalb der türkischstämmigen Bevölkerung nicht befriedigend zu klären. So z.B. wie sich unterschiedliche Zuwanderungswellen hinsichtlich des Bildungsverständnisses charakterisieren lassen. Auch die wichtige Frage, ob mit zunehmender Verweildauer der Migranten die Bildungsvorstellungen der deutschen Gesellschaft übernommen oder vermengt werden bzw. wovon eine Übernahme von entfaltungsorientierten Bildungsvorstellungen letztlich abhängt.

Damit bleiben für weitere Untersuchungen an der HdWM wichtige Fragen zu beantworten. Die von mir durchgeführte Expertenbefragung versuchte einen ersten Beitrag für diese hoffentlich noch folgende Forschung zu leisten.

Sara Yurtseven, Alumni der Hochschule der Wirtschaft für Management in Mannheim im Studiengang „Beratung und Vertriebsmanagement“.

*Diese Bachelorarbeit wurde von Prof. Dr. Uwe Hochmuth und Dr. Michael Mangold betreut.

Zurück