Freie Studienwahl - Wovon türkische Jugendliche nur träumen können*

26.05.16 14:51 von test

Ein Erfahrungsbericht von Franziska Russ

Ich habe vier Jahre lang an der Hazırlık, einer privaten Universität in der westtürkischen Küstenstadt İzmir, mit vielen Jugendlichen gearbeitet und mir ihre Geschichten angehört. Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich nicht wirklich von deutschen Jugendlichen. Sie sind vielleicht etwas unauffälliger angezogen, sie wirken vielleicht etwas unverdorbener und naiver, sie studieren vielleicht auch irgendwie härter. Aber letztendlich können sie einem leidtun: Denn ihrer stürmischen, jugendlichen Kraft wird der Wind aus den Segeln genommen, wenn mit 18 die Entscheidung über ihr Studienfach und den Studienort fällt. Jugendliche in Deutschland können relativ frei entscheiden, wo und was sie studieren möchten. Sie müssen dabei nur mit der Frustration umgehen können, dass die Traumhochschule sie möglicherweise ablehnt oder die ZAV die Abiturnoten bemängelt. Türkische Jugendliche stehen dagegen einem ganz anderen Monster gegenüber: dem YGS - LYS, einem zweizügigen Test, der durch ein kompliziertes Punktesystem über Wohl und Weh der angehenden Studierenden entscheidet. 

YGS steht für „Yükseköğretime Geçiş Sınavı“ und wer diesen Test besteht, darf mit einem Hochschulstudium beginnen – vorher nicht. Nicht die Noten aus dem Gymnasium bestimmt, ob man hochschulreif ist, sondern ein staatlich, zentral gesteuerter Test, der an einem einzigen nervenaufreibenden Tag stattfindet. Doch mit dem YGS ist der Spuk noch nicht vorbei. Ist jetzt erstmal die „Hochschulzugangsbefähigung“ festgestellt, müssen sich die Jugendlichen zwei Monate später einer weiteren Prüfung unterziehen, die meines Erachtens noch perfider ist: die LYS. LYS steht für „Lisans Yerleştirme Sınavı“ und regelt schlicht und ergreifend nicht nur den Studienort der Jugendlichen, sondern auch das Studienfach. Im günstigsten Fall kann ein Teilnehmer nicht an seiner Wunschuni in Ankara studieren, sondern muss vielleicht nach Konya oder Samsun. Im schlimmsten Fall muss ein junger Mensch, der eigentlich Psychologie in Istanbul studieren wollte, jetzt Ingenieurwesen in Muğla studieren – für mich schwer zu verstehen, für viele Jugendliche in der Türkei bittere Realität. Man kann den LYS-Test ein Jahr später wiederholen, in der Hoffnung, nun endlich die erforderlichen Punkte für das Traumfach zu erreichen. Viele aber fügen sich ihrem Schicksal und studieren das ungeliebte Fach, bringen es irgendwie zu Ende, um dann einen ebenso ungeliebten Job anzunehmen.

Welche Universität und welches Studium man letztendlich „gewinnt“, entscheidet auch massiv über die zukünftigen Karrierechancen der Jugendlichen. Um doch in die richtige, die gute, die angesehene Universität zu kommen und um doch auch das richtige, dass gewollte oder das angesehen Studienfach studieren zu können, nehmen die Jugendlichen und deren Eltern viel Zeit in Kauf. Zeit, die vor allem zwischen dem 16. und dem 18. Lebensjahr in Nachhilfeinstituten verbracht wird. Es ist durchaus normal, dass finanziell gut gestellte Eltern ihren Kindern von klein an einen Nachhilfelehrer für jedes Fach zur Seite stellen. Schließlich sind die türkischen Eltern noch schlimmere Helikoptereltern als die deutschen. Aber einen noch stärkeren Hype gibt es eben rund um YGS-LYS. Statt ihre Zeit im regulären Unterricht an der Lise zu verbringen, quälen sich die Schüler in Nachmittag- und Abendkursen durch YGS-Prüfungskurse in privaten Nachhilfeinstituten, die es in jeder Großstadt haufenweise gibt. Die Eltern zahlen für die Kurse, die Kursbücher und eventuell noch für den Privatlehrer ein Wahnsinnsgeld, während am Gymnasium dagegen der Unterricht ausfällt, die Schüler nur ab und zu teilnehmen oder aber im Unterricht den Schlaf der letzten Nacht nachholen. Damit wird die Bedeutung der Lise meines Erachtens ad absurdum geführt.

Der Markt für private Institutionen in der Türkei ist sehr fruchtbar. Wer Geld hat und etwas auf sich hält, schickt sein Kind entweder auf die deutsche, die französische oder auf die englische Schule. Dort sollen sie mit neuen Lehrmethoden in Kontakt kommen, internationale Lehrkräfte kennenlernen, Sprachen fließend sprechen lernen und überhaupt so eine ganz andere, neue, weltoffene und gebildete junge Elite werden. Und vor allem sollen sie dort besser auf YGS-LYS Prüfungen vorbereitet werden. Dieser Glaube allerdings setzt sich bei privaten Universitäten nicht mehr fort. Private Universitäten schießen zwar wie Pilze aus dem Boden, sie sind im Vergleich zu ihren staatlichen Pendants hervorragend ausgestattet und die Lehrkräfte kommen aus der ganzen Welt, dennoch haben sie (bis auf einige namenhafte Ausnahmen) nicht so ein gutes Image wir ihre staatlichen Geschwister. “Wer zahlt, schafft an” ist der Wind, der in den privaten Einrichtungen oft unmissverständlich durch die Gänge weht.

Mit Eintritt in das Berufsleben scheint dieser ganze Kampf vorbei zu sein. Man hat eine Universität „gewonnen“, sein Studienfach mit dem Bachelor oder vielleicht sogar mit dem Master abgeschlossen und jetzt sogar einen Job? Man hat eine Ausbildung gemacht oder bei einem Handwerksbetrieb etwas gelernt und arbeitet jetzt? Bitti. Yeter! Reicht! Während es in Deutschland auch nach Eintritt in das Berufsleben stark ausgeprägte Weiterbildungsmöglichkeiten in der Erwachsenenbildung in Form von Abendschulen, Volkshochschulen und anderen Einrichtungen gibt, steht man dagegen in der Türkei in einer einsamen Steppe. Während man sich in Deutschland lebenslang weiterbilden muss, um seinen Job zu sichern, wettbewerbsfähig zu sein oder um sich auf dem zweiten Bildungsweg höher zu qualifizieren, scheint der ganze Stress in der Türkei dagegen weitgehend vorbei zu sein. Beförderungen hängen hier einfach stärker von den richtigen Netzwerken und Bekanntschaften ab, als es in Deutschland der Fall ist.

„Eğitim“ oder „Bildung“ in der Türkei ist kompliziert und elitär. Sie konzentriert sich auf die Eintrittszeit zum Studium und richtet sich darauf, Tests zu bestehen. Die Jugendlichen können oftmals nicht das studieren, wofür sie brennen, sondern müssen etwas machen, wofür ihre Punkte reichten. „Ich wollte eigentlich Medizin studieren…“ oder „Ich wollte eigentlich Psychologie machen … aber meine Punkte haben nicht gereicht“, so oder ähnlich habe ich es oftmals gehört. Das ist sehr schade, denn ich finde, dass die türkischen Jugendlichen sehr fleißige Studierende sind, die sich gerne über die Aula hinaus in studentischen Gruppen engagieren und in ihrem Leben etwas erreichen wollen. Wie viel mehr könnten sie noch schaffen, wenn nicht ein einziger großer Test über ihr Studienfach entscheiden würde.

Franziska Russ hat an der Universität Mainz Sozialwissenschaften studiert und von 2004 bis 2015 mit kurzen Unterbrechungen in der Türkei gelebt. Zurzeit ist sie freiberuflich tätig und unterrichtet Deutsch und Englisch in Düsseldorf. 

*Dieser Text stellt die persönliche Meinung der Autorin.

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